Seltsame Knubbel und „Äpfel“ an Eichen

Unsere Natur beherbergt unglaubliche Schätze – wie die Pflanzengallen, um die es heute geht. Noch nie davon gehört? Kein Problem, hier bekommt ihr alles zu lesen, was man darüber wissen sollte. In den letzten Jahren sind Pflanzengallen leider immer mehr in die Vergessenheit geraten. Dabei gibt es einige nützliche Pflanzengallen und früher waren sie besonders wichtig. Aber dazu später mehr. Zuerst möchte ich euch erzählen, was Pflanzengallen überhaupt sind und wie man sie erkennt.

Was sind Pflanzengallen?

Pflanzengallen sind ungewöhnliche Auswüchse an Pflanzen. Dabei können die Pflanzengallen verschiedene Formen annehmen. Von winzigen Härchen, die einen kleinen Filzteppich ausbilden, bis hin zu knallroten Gebilden, die aussehen wie Zipfelmützen, ist alles dabei. Gallen können aber auch Verdickungen im Stängel sein oder die Größe der Pflanze verändern. Aussehen und Form bestimmt der jeweilige Gallenerzeuger, indem sie Gene in der Pflanze aktivieren. Dabei entstehende Gallen sind so typisch, dass von ihr direkt auf ihren Erzeuger geschlossen werden kann.

Gallenerzeuger sind vielfältig.  Gallen von Gallwespen, Gallmücken, Gallmilben und Pilzen sind dabei besonders häufig und auffällig. Aber auch Fadenwürmer, Pflanzen und Läuse können Gallen bewirken und von der Pflanze ausbilden lassen.

Im Inneren einer Galle findet leben statt. Hier seht ihr eine aufgeschnittene Galle von einer Wilden Möhre. (Natürlich vergrößert. die Gallse ist recht klein.)

Die Gallen werden von den Erzeugern (z.B. den Gallwespen) injiziert, das bedeutet, dass Pflanzen dazu angeregt werden Gallen auszubilden. Kleine Gallwespen-Weibchen beispielsweise legen ein Ei in einem Blatt ab. Dabei gibt das Gallwespen-Weibchen Stoffe ab, die bestimmte Gene der Pflanze aktivieren. Die Pflanze bildet daraufhin Zellen aus und baut ein kleines „Haus“ um das Ei. So kann die Larve geschützt in einem festen Teil der Pflanze überleben und wird nicht sofort von Fressfeinden gefunden und erbeutet. Die Stoffe, die die Gene der Pflanze regulieren, können sowohl vom Muttertier, als auch von der Larve abgegeben werden. Dies ist von Art zu Art unterschiedlich. Die Pflanze bietet also mit der Galle Schutz und Nahrung für den Gallenerzeuger (wenn die Larve selbst die Gene reguliert und die Galle bilden lässt) oder seine Nachkommen (wenn das Muttertier die Galle ausbilden lässt). Die Larve entwickelt sich innerhalb der Galle und als erwachsenes Tier „schlüpft“ es.

Wie erkennt man eine Pflanzengalle und wie kann man welche finden?

Eigentlich alles, was an einer Pflanze etwas merkwürdig aussieht, könnte eine Pflanzengalle sein. Dabei können das sehr auffällige, aber auch sehr unauffällige Veränderungen sein. Besonders ausgeprägt (auffällig) und häufig sind Gallen an Blättern. Vor allem an Eichen, Ahorn und Buchen kann man Flecken, Kugeln oder komische Gebilde an Blättern entdecken. Wenn ihr das nächste Mal in der Natur unterwegs seid, findet ihr vielleicht welche. Besonders im Sommer und Herbst könnt ihr Gallen entdecken, beispielweise auf den Unterseiten der Blätter. Es kommt vor, dass mehrere, sich sehr ähnlich sehende, Gallen auf einer Pflanze zu finden sind, die von Gallenerzeugern derselben Art injiziert wurden. Auch unterschiedlich aussehende Gallen von unterschiedlichen Arten kommen zusammen vor.

Ihr könnt die Gallen sogar mitnehmen. Natürlich niemals aus einem Naturschutzgebiet. Wenn es klappt könnt ihr beobachten, was für ein erwachsenes Tier daraus schlüpft und findet so vielleicht heraus welches Tier die Galle hervorgerufen hat. Dafür kommen die Gallen mit einem Teil der Pflanze in einen Gefrierbeutel oder in eine Plastikbox mit Luftzufuhr. Das Behältnis sollte nicht zu feucht oder zu trocken sein (Es ist nicht so einfach die perfekte Methode zu finden. Vielleicht legt ihr einfach ein leicht feuchtes Wattepad dazu). Ich bin gespannt was, ihr alles entdecken werdet.

Haben Pflanzengallen Namen?

Besonders auffallende Gallenarten haben ihren eigenen Namen, welcher sich sehr oft auf ihr Aussehen, auf die spezialisierte Pflanzenfamilie oder auf ihren Gallenerzeuger bezieht. Z.B. die „Ziergalle“ besitzt schöne Verzierungen auf ihrer Oberfläche (Bild A) und die „Seidenknopfgallen“ glänzen seidig und sehen aus wie ein Teil von Druckknöpfen (Bild B). Die Galle „Schwammapfel“, da sie wie ein kleiner Apfel aussieht und innen schwammig ist (Bild C). Die Galle „Buchenblattgallmücke“, findet man an Buchenblättern und sie wird von der Gallmücke Mikiola fagi erzeugt (kein Bild, könnt ihr aber googeln. Die sind auch sehr häufig). Es gibt viele Gallen, die keinen speziellen Namen haben, sondern den wissenschaftlichen Namen des Erzeugers tragen.

A: Die Ziergalle hat schöne Verzierungen auf der Oberfläche, weswegen sie auch Schmuckgalle genannt wird. Die Gallen von Cynips longiventris befindet sich immer auf der Blattunterseite von Eichen. B: Die Seidenknopfgallen oder Münzgallen findet man ebenfalls auf der Blattunterseite von Eichenblättern. Meist sind mehrere der gleichen Art zu finden, oft aber auch mit andere Gallen zusammen. Die Gallen werden von einer Gallwespe, der Neuroterus numismalis, erzeugt. C: Der Schwammapfel sieht innen schwammig und von außen wie ein Apfel aus. Die Galle wird von der Gallwespe Biorhiza pallida erzeugt. Man kann die Galle auf Eichen finden. (Bild: Christiane Dalitz und Ann-Kathrin Mertz/SMNS).

Geschichte der Pflanzengallen

Der Galle von der Gallwespe Diplolepis rosae wird auch Schlafapfel genannt. Sie soll wohl nach einem alten Volksglauben gegen Schlafstörungen helfen, wenn man sie unters Kopfkissen legt. Rosenstengelgallen kann man besonders gut im Winter entdecken. Vorallem an wilden Rosen.

Schon Hippokrates (460-377 vor Christus) nutzte Pflanzengallen und schrieb darüber. Aber wofür konnten Pflanzengallen genutzt werden? Als Heilmittel für verschiedene Beschwerden, zur Herstellung von Kerzendochten oder besonderen alkoholischen Getränken. Die Menschen damals waren sehr experimentierfreudig und haben alles genutzt, was sie gefunden haben. Sie haben damit sogar Tierhäute gegerbt um Leder herzustellen. Aber eine der faszinierendsten Nutzungen ist, meiner Meinung nach, die Nutzung als Tinte.

Tinte hergestellt aus Pflanzengallen?

Aus bestimmten Gallen der Eiche wurde früher Tinte zum Schreiben hergestellt. Am besten zur Herstellung geeignet waren die Gallen von Andricus gallaetinctoriae (Synonym Cynips tinctoria). Diese Gallenart kommt jedoch nicht in Deutschland vor und musste importiert werden. Die Herstellung der Tinte funktionierte auch mit Gallen von Cynips quercusfolii (deutscher Name: Gallapfel), die in Deutschland zu finden sind. Aufgrund ihrer geringeren Anteils an Tannin sind die Gallen von minderwertiger Qualität und es wurde eine größere Menge zur Herstellung der sogenannten Eisengallustinte benötigt.

Die Eisengallustinte wird auch als dokumentenechte schwarze Tinte bezeichnet. Viele wichtige Dokumente, wie die amerikanische Unabhängigkeitserklärung, wurden (und werden teilweise noch heute) mit Eisengallustinte unterzeichnet. Bekannte Persönlichkeiten, wie die Wissenschaftler Charles Darwin und Isaac Newton oder auch Künstler wie Leonardo da Vinci und Johann Sebastian Bach, haben die Tinte aus Gallen genutzt. Sie wurde bereits im antiken Rom und im Mittelalter verwendet. Noch heute können Gallen gekauft werden, um historische Tinte herzustellen. Diese sollte jedoch niemals mit einem Füller genutzt werden, da dieser dann verklebt, sondern mit einer Gänsefeder oder einem Schilfrohr. Diese Gallen kosten rund 5 bis 6 € für 100 g.

Wie ihr seht, sind Pflanzengallen wirklich faszinierend! Schade, dass sie so in Vergessenheit geraten sind. Auch in Kinderbüchern kommen sie sehr, sehr selten vor. Ich habe gerade mal eines gefunden, in dem sie erwähnt werden: „Die wunderbare Welt der Eiche“. Hoffentlich ändert sich das bald. Denn Pflanzengallen fallen ziemlich auf. Auch ich habe sie früher schon oft gesehen, wusste eben nur nicht, was das war. Und das geht vielen von euch sicher auch so, oder? Ich bin sehr gespannt, was ihr so erzählt. Vielleicht entdeckt ihr ja auch ganz viele Pflanzengallen in der Natur, direkt vor eurer Haustüre. Viel Spaß beim Suchen!

Buchempfehlung zum Thema Pflanzengallen.

Eure MermaidKathi, die gerne in der Natur unterwegs ist. Denn es gibt immer viel zu entdecken!

P.S. Bei mdr habe ich vor kurzem ein etwa 3-minütiges Video entdeckt, in dem Pflanzengallen vorgestellt und gezeigt werden. Schaut gerne mal vorbei. Das ist echt super geworden und gibt euch nochmal einen kleinen Einblick in die Faszinierende Welt der Pflanzengallen.

PP.S. Wenn ihr noch mehr über Pflanzengallen erfahren wollt, könnt ihr euch gerne den Gallen-Naturführer „Faszinierende Pflanzengallen“ anschauen. Infos zum Buch und meine Rezension findet ihr hier.

Und wenn ihr euch für das Kinderbuch interessiert, in dem die Pflanzengallen erwähnt und wunderschön illustriert sind, schaut gerne bei meiner Rezension zu „Die wunderbare Welt der Eiche“ vorbei.

Quellen: Bellmann, H., Spohn, M., Spohn R. (2018): Faszinierende Pflanzengallen – Entdecken, Bestimmen, Verstehen; Wiebelsheim (Quelle & Meyer).

Küster, E. (1911): Die Gallen der Pflanzen. Ein Lehrbuch für Botaniker und Entomologen. Verlag v. S. Hirzel, Leipzig.

Bücher, in denen Pflanzengallen erwähnt werden (Nachtrag):

Nachtrag: Für den Cod1ng Da V1nc1 Kultur Hackaton Baden-Württemberg 2022 wurde als Datenset meine Gallen-Sammlung zur Verfügung gestellt. Ein Teil meiner Gallen-Fotos, die ich in Zusammenarbeit mit dem Naturkundemuseum Stuttgart erstellt habe, wurden für das Projekt verwendet. Das Datenset-Vorstellungsvideo auf Youtube findet ihr hier. So wurde ich Teil des Teams, welches ein Projekt erstellt hat. Es handelt sich um ein Gallen-Memory, welches man frei zugänglich im Internet spielen kann. Am Laptop/Computer bekommt ihr nach jedem gefunden Pärchen Informationen zu dem Sammlungstück. In dem Gallen-Memory „Halli Galli in der Galle – Pairs“ könnt ihr also meine Gallen-Fotos bewunden. Ziemlich cool! Schaut gerne vorbei und spielt ein paar Runden.

20 Kommentare zu „Seltsame Knubbel und „Äpfel“ an Eichen

  1. Ein interessanter, einführender Beitrag in ein wirklich unbekanntes Thema! Ich kann mich nicht bewusst daran erinnern, je Pflanzengallen gesehen zu haben – wahrscheinlich weil man wirklich nicht darauf achtet. Ich hab den Begriff bisher auch noch nie gehört gehabt.

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    1. Vielen Dank für dein Feedback 💙. Ja die sind leider echt sehr unbekannt. Ich hoffe wirklich, dass es sich bald endet. Vielleicht schreibe ich doch noch ein Kinderbuch xD.

      Vielleicht fallen dir die Pflanzengallen bald in der Natur auf. Schließlich kennst du sie jetzt ;).

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  2. Ich bin ziemlich sicher, dass ich solche Pflanzengallen schon oft gesehen habe – aber ich wusste nicht, was das ist. Ich dachte immer, das sind irgendwelche Störungen / Verletzungen / Mutationen / Krankheiten an der Pflanze. So was wie Rosenrost. 😀 Was passiert eigentlich mit der Galle, wenn das Erzeugertier geschlüpft ist? Bildet sie sich zurück?

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  3. Ja das bin ich auch xD. Viele Gallen werden auch oft als Mutation, Krankheit oder so angesehen.
    Wo du den Rosenrost erwähnst: Das sind auch Gallen ausgelöst von Pilzen ;). Wird aber auch oft als „Pilzkrankheit“ betitelt. Das was man sieht sind aber tatsächlich Gallen ;).

    Um deine Frage zu beantworten: Einige Gallen fallen ab, zusammen mit der Larve oder Puppe. Die überwintern oft in der Erde. Die Tiere schlüpfen erst später.

    Andere Gallen sind verlassen und werden dann gerne von anderen Lebewesen genutzt. Als sicherer Unterschlupf oder Nistplatz.

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  4. Servus ihr Bloggis,
    Wenn man das Wort Pflanzen und Galle auseinander nimmt merkt man bei Galle, das ist ein Lebewesen , wenn es einem Mensch nicht gut geht meldet sich die Galle , bei einer Pflanze ist es zwar nicht das gleiche aber es wurde von Dir super beschrieben 🙂
    Also Pflanzengallenparty:)

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    1. Vielen Dank für deinen Kommentar. Ich freue mich sehr, dass die meine Naturbeiträge gefallen und dass ich dir die Pflanzengallen näher bringen konnte. Bin gespannt ob sie dir jetzt in der Natur auffallen. Viel Spaß beim Suchen. Danke für dein Feedback. Viele Grüße von Kathi

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  5. Hast du super erklärt, Kathi. Vorallem den historischen Bezug fand ich total schön beschrieben und mir gefiel auch, dass du es so formuliert hast, dass es nicht nur Bioprofis verstehen. Nun bin ich um einiges schlauer und gespannt, ob ich bald nich mal welche entdecke!🤗

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    1. Vielen Dank für deine schönen Worte, liebe Neele.
      Ich freue mich, dass ich dir was beibringen konnte und freue mich, dass du alles verstanden hast. Ich wünsche dir viel Spaß beim Suchen im der Natur. Melde dich gerne bei mir, wenn du was findest. Würde mich sehr freuen 🥰.

      Liebe Grüße von Kathi

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  6. Danke für den Informativen Text.Ich kenne Pflanzengallen und habe sie auch schon gesehen.Auch die frühere Verwendung der Gallen finde ich interessant.
    Das Buch werde ich mir zulegen(ich finde alles was mit Pflanzen zu tun hat interessant).

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    1. Vielen lieben Dank :D. Dann bist du eine der wenigen, die die Pflanzengallen bereits kennt. Cool! Aber wenn du dich auch schon lange mit Pflanzen beschäftigst ;). Die Verwendung der Gallen finde ich auch ganz besonders interessant. Super vielfältig. Das hätte ich nicht gedacht.
      Das freut mich zu hören 😀 Ich hoffe dir gefällt das Buch sogut wie mir.

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  7. Uns waren die „komischen Dinger“ an den Blättern schon oft aufgefallen, vor allem meine große Tochter und ich haben dann danach gesucht, weil sie irgendwie ekelig und faszinierend zugleich waren😎🙈
    Viel, vorallem verständliche Infos hatten wir nicht gefunden… Aber deine Zusammenfassung ist super! Dankeschön dafür!

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    1. Wie schön, dass ihr welche gefunden habt! Und ja das kann ich absolut verstehen. Super faszinierend aber auch minimal eklig. Das ist oft so xD. Ich freue mich sehr, dass mein Beitrag für euch so verständlich ist und ihr jetzt ganz viel Neues wisst :D. Danke für eure Rückmeldung.

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  8. Liebe Kathi. Als Biologin war mir der Begriff der Pflanzengallen und deren Entstehung bekannt. Ich habe mit deinem Beitrag eine so schöne und ausführliche Beschreibung erhalten, die mich auch mal wieder auf den neuesten Stand und dieses faszinierende biologische Phänomen wieder einmal in Erinnerung gebracht hat! Deinen Ausflug in die Historie der Verwendung der Pflanzengallen fand ich besonders interessant. Vielen Dank für deinen schönen Bericht. Nicole

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